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Predigt zum Sonntag Laetare 2020 (22. März 2020), Auferstehung & Schelmengraben

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! Was für eine Zeit ist das! Von jetzt auf gleich ist unser öffentliches Leben lahmgelegt. Das Coronavirus breitet sich aus, Menschen infizieren sich,

erkranken, sterben. Hilfe ist nicht in Sicht, alle Kraft wird in die Verhinderung der Ausbreitung gelegt und darin, die Erkrankten medizinisch zu betreuen und ihnen so gut wie möglich zu helfen. Menschliches Leid und ungeahnte wirtschaftliche Folgen, die sich in ihrem Ausmaß bisher kaum abschätzen lassen.

Und dann noch im Alltag: unverschämte und asoziale Hamsterkäufe, Unvernunft nicht weniger Zeitgenossen gegenüber staatlichen Anordnungen, wenn es um Menschengruppen auf öffentlichen Plätzen geht.

Eine verrückte Zeit mit vielen Fragen, Ängsten und viel Leid. Und alle Beschönigungen der Lage klingen hohl und fahl.

Das Wort mit sechs Buchstaben und dem „C“ am Anfang ist jetzt schon das (Un-)Wort des Jahres.

Und dann gerade an diesem Sonntag begegnet uns der Predigttext für den Sonntag mit einem Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja, das wie ein Licht am Ende des dunklen Tunnels zu sein scheint:

Jesaja 66, 10 – 14

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Als diese Worte notiert wurden, war das babylonische Exil für das Volk Israel vorbei. Die Verschleppten hatten heimkehren können. Aber vieles lag daheim in Schutt und Asche, der Tempel war nicht aufgebaut und die Gesellschaft war gespalten. Die, die im Land geblieben waren, hatten sich einigermaßen eingerichtet. Die aus dem Exil Heimkehrenden standen vor dem Nichts oder mussten sehen, dass ihr eigenes Land zum Teil andere Besitzer gefunden hatte und stellten Ansprüche.

Ungerechtigkeiten, Gegeneinander und etliche Konflikte gehörten zum Leben im Heiligen Land. Leben war eher ein Kampf. Und die Heilsversprechungen Gottes, die im Exil den Entführten Mut gemacht hatten, blieben anscheinend aus.

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid….

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Seltsam – die Aufforderung zur Freude, Freude mit Jerusalem(„Gründung des Friedens“), der Stadt Gottes, der Hauptstadt Israels.

Fülle im Leben, kein Mangel und keine schweren Zeiten mehr, wie ein Säugling, der an Mamas Brust trinken darf und rundum zufrieden sein kann, und Trost wie Mama tröstet, wenn zum Beispiel das Kind sich die Knie aufgeschlagen hat. Ein Stück heiler Welt wird da verheißen. Gott wird sich liebevoll um seine Menschen kümmern, trösten, halten, zum Guten bringen.

Trost und Halt -wie wichtig für Menschen damals und auch für uns – und wie weit weg scheint das zu sein, wenn man die Nachrichten allein des heutigen Tages verfolgt.

Aber genau da fangen Trost und Hoffnung an: nicht in der Zeit, in der alles Schlimme vorüber ist, sondern in der Zeit, in der es noch brennt, schmerzt, Angst macht, in der die Gefahr nicht vorüber ist.

Damals in Israel, als diese trostvollen Worte zu den Menschen kamen, war nichts in Ordnung, Leben war schrecklich, ungewiss und die Zukunft nach menschlichem Ermessen eine Herausforderung, die das Schlimmste befürchten ließ.

Heute, 2020, mitten in der Corona- Gefahr, sehen viele in unserem Land mit viel Leid in die Gegenwart und mit viel Angst in die Zukunft.

Aber die Worte Gottes, die Jesaja in unserem Text weitergibt, stammen von Gott, der über den Tellerrand des Moments hinaus schaut, der Erfahrungen aus der Vergangenheit und den Blick in die Zukunft besitzt und dem seine Menschen, also auch wir, vertrauen können wie ein Kind seiner Mutter oder seinem Vater.

Ja, momentan ist die Lage nicht rosig, aber diese momentane Lage ist nicht der Endpunkt, sondern ein Bild auf dem Film des Lebens, der noch nicht zuende ist.

Denn Gott hat es versprochen für sein Volk.

Am Ende steht nicht das Leid des Augenblicks, sondern die Freude an dem, was danach kommen wird.

Die Frage ist, ob wir Menschen, damals die Israeliten, heute wir, Gott zutrauen, dass es diese Wendung zum Guten gibt?

Die Frage ist, ob wir den gegenwärtigen Moment aushalten und bewusst gestalten in der Hoffnung, dass er uns hält und das Erlösende kommen wird?

Warum tröstet Gott durch den Propheten Jesaja mit einer Hoffnung, die in der Gegenwart noch nicht oder nur wenig zu spüren ist?

Wer keine Hoffnung hat, gibt schnell auf. Er/sie sieht keinen Wert mehr darin, sich nicht gehen zu lassen. Wer aber Hoffnung in sich hat, spürt, dass es sich lohnt weiter zu machen, Kräfte zu mobilisieren und Verantwortung für das Leben zu übernehmen.

Genau da setzt Gott ein mit seiner Verheißung von der Wendung zum Guten. Er möchte uns Menschen Mut machen, nicht aufzugeben, sondern bedacht, voller Zuversicht, das zu tun, was notwendig ist, zu hoffen, aber auch hoffnungsvoll und zuversichtlich zu leben.

Hoffnungsvoll leben hieß damals, zur Zeit des Jesaja, aufzubauen, was zerstört war, Gerechtigkeit walten zu lassen, abzugeben und zurück zu geben; zusammenzurücken und damit Leben für alle möglich werden zu lassen.

Hoffnung leben könnte heute heißen: lebe verantwortlich, halte Abstand; bleib so es geht um der anderen willen zu Hause; meine nicht, die Regeln seien hätten mit Dir nichts zu tun. Lebe so sozial, dass alle leben können und von dem, was sie brauchen, abbekommen, denn Gott hat für Dich und alle anderen Zukunft vorgesehen. Die Krise hat, auch wenn sie schlimm ist, nicht das letzte Wort.

13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.

Dann kann Hoffnung und auch Freude aufkommen schon in der Krise, denn wir alle dürfen uns in Gottes Armen gehalten wissen wie damals, als wir Kinder waren, in Mamas/Papas Armen.

Deshalb können wie mitten in der Passionszeit auch „Laetare“= „Freue Dich“ feiern, weil Jesu Leben nicht in der Krise des Todes steckenblieb, sondern am Ende das neue, ewige Leben siegte. Gott führt zu einem guten Ende. Das gilt -- von der Taufe bis zum Ende.

Deshalb ist diese Corona-Krise, so schrecklich sie ist, nicht das Weltende. Wir können sie überstehen und neu ins Leben gehen, wenn wir das Vertrauen in Gott nicht wegwerfen, mit Sachverstand Verantwortung für das Leben übernehmen und sogar gestärkt aus ihr hervorgehen.

Denn diese Zeiten werden uns auch verändern, hoffentlich, und werden uns zeigen, dass nur mit Verantwortung, Nächstenliebe, Achtung der Schöpfung und Respekt vor allem, was lebt, dieser Planet, den Gott uns anvertraut hat, zu retten ist.

Ausbeutung, Zerstörung, Raffen, haben diese Welt fast ruiniert und solche Pandemien wie die Corona-Problematik zeigen uns, wie schnell wir anfällig sind und, wenn wir nicht aufpassen, diese Schöpfung auch gut ohne uns Menschen auskommen wird.

Deshalb möchte ich Sie/Euch herzlich einladen, die Freude an Gott schon jetzt, mitten in der freudlosen Zeit, in unser Leben umzufüllen.

Amen

Gebet:

Herr, unser Gott, wenn wir Angst haben, dann lass uns nicht verzweifeln.

Wenn wir enttäuscht sind, dann lass uns nicht bitter werden.

Wenn wir gefallen sind, dann lass uns nicht liegenbleiben.

Wenn es mit unseren Kräften zu Ende ist, dann lass uns nicht umkommen.

Nein, dann lass uns deine Nähe und deine Liebe spüren.

Amen

(Karl Barth)


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