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Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti 2020 (19. April), Auferstehung & Schelmengraben

Text: Jesaja 40, 26 – 31 Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder! Langsam reicht’s, so haben gewiss nicht wenige von uns, vielleicht auch Sie, vielleicht auch Du – nach fast fünf Wochen Corona – Zeit gedacht. Manche Nerven beginnen blank zu liegen, ...

Ideen, was mit den Kleinen zu Hause anzustellen wäre, werden rar. Die Kinder und die Enkel nicht sehen zu können, wird zur Qual. Kindertagesstätten bleiben zu – welche Katastrophe für viele Eltern, die ihrer Arbeit nachgehen müssen. Und im Seniorenstift bedeutet das Leben oft das Verharren auf den wenigen Quadratmetern.

Langsam reicht‘s, denken vielleicht die, welche seit Wochen schaffen bis zum Umfallen in Supermärkten, in Krankenhausstationen, und an anderen Orten, alles unter beschwerten Corona – Bedingungen.

Die Nase voll haben auch diejenigen, deren Geschäfte geschlossen sind, die nicht wissen, wie es in der Firma weitergehen kann, die in Kurzarbeit sind und darauf warten, dass endlich wieder „normale Zeiten“ anbrechen und es irgendwie weitergeht.

Es reicht – verständlich, wer so denkt.

Gereicht hat es auch den Israeliten, die ins Babylonische Exil verschleppt worden sind. Die Großmacht Babylon hat das Südreich Israels, Juda, besiegt, zerstört, dem Erdboden gleichgemacht und weite Teile der Oberschicht ins Exil deportiert. Dort durften sie in eigenen Dörfern leben, Berufen nachgehen, ihre Religion ausüben, aber eben im Exil festgesetzt. Es war nicht die eigene Wohnung, in die sie gepfercht waren, sondern das Fleckchen Erde, das ihnen die Sieger zugestanden hatten. Quarantäne – nur ein bisschen größer im Umfang, aber vom Frustpotential, das es erzeugte, ähnlich zu dem, was wir zurzeit durchmachen. „Es reicht“ – Frustpotential damals wie heute.

In dieser von Frust, Resignation, Unzufriedenheit und vielen Fragezeichen geprägten Zeit erhebt damals ein Prophet, ein Beauftragter Gottes, der sich Jesaja nennt, seine Stimme und verkündet den Israeliten:

Predigttext: Jesaja 40, 26 -31:

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: "Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber"?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Gott möchte durch den Propheten seine Leute aus der Resignation herausreißen. Er möchte wachrütteln und seinem Volk klar machen, dass der Moment der Frustration, so bitter und schwer er Dir auf der Seele liegt, eben nur ein Moment ist, und dass Dein Leben mehr und weiter ist als dieser Frust - Moment. Und Jesaja möchte dem Lamentario, dass Gott uns vergessen habe, mit der Hoffnung begegnen:

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: "Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber"?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

 

Gott ist da. Er hat nicht vergessen. Er ist mit Deinem Schicksal vertraut und ist auf dem Weg, Dir unter die Arme zu greifen:

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

 

Er möchte Dir Kraft und Hoffnung schenken, dass Du durchhältst und nicht die Nerven verlierst, als Einzelne/r, als Gemeinde, als Volk.

 

Das finde ich das Bestechende an Gott, der durch Jesus unser Schicksal geteilt und menschliches Leiden in der größten Tiefe durchlebt hat. Er hält sich nicht fein raus. Er gibt sich voll rein und beteiligt sich an dem, was wir Menschen durchzustehen haben. Er schnippst aber nicht mit dem Finger das Schwere weg, sondern er sorgt dafür, dass in der größten Herausforderung genug Durchhaltevermögen, Kraft und Segen in der Welt und in Menschen vorhanden sind, damit die Krise gemeistert werden kann.

Das wurde an Jesus und seinem Lebensschicksal deutlich: Jesus durchlebte Anfeindung, Schmerzen, Schläge und die Qualen des Kreuzestodes. Und am Ende hatte er es geschafft. Der Tod war nicht der Sieger. Er ist auferstanden – das Leben hat gesiegt. Der Sieg kam jedoch am Ende, nicht als Zauber, der Jesu schwere Zeit verwandelt hätte. Auf dem Weg zum Sieg kostete der Weg Jesu viel, viel Kraft.

 

Gott schenkt seinen Beistand, Tag für Tag. Er gibt seinem Volk seinen Segen, der in jedem Tag ihnen das Fortkommen auf dem Weg ermöglicht.

Als das Volk Israel auf dem Weg aus der Sklaverei in das Land Kanaan war und über Hunger klagte, ließ Gott Manna regnen, so schreibt die Bibel, Himmelsbrot, das die Menschen sättigte. Aber dieses Manna war nur an einem Tag jeweils zu gebrauchen. Die Israeliten konnten nichts aufsammeln und als Proviant mit sich führen. Das Manna verdarb im Laufe eines Tages, aber an jedem Morgen war neues Manna vorhanden, so, dass niemand der Israeliten Hunger leiden musste.

Jeden Tag erlebten die Israeliten eine Kraftquelle für ihr Vorwärtskommen. Jeden Tag, nicht mehr und nicht weniger.

 

Dietrich Bonhoeffer, Theologe, Widerstandskämpfer und Märtyrer in der Zeit der Nazi-Diktatur, fasst diese tägliche Versorgung in theologisch reflektierte Worte, wenn er schreibt:

 

Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,

dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

(Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 30 f)

 

Gott ist mit seinem Segen dabei, aber er versorgt Dich, Mensch, mit Kraft, an jedem Tag neu. Er gibt alles für einen Tag, nicht mehr und nicht weniger. Denn Du, Mensch, sollst nicht meinen, dass es auf Deine Kraft ankommt, sondern Dein Leben soll im Bewusstsein ablaufen, dass Gott mit seiner Kraft in Dir wirkt und Du durch ihn befähigt wirst, die Aufgaben und Herausforderungen Deines Lebens zu meistern.

Deshalb geht es im Leben manchmal, wie in der gegenwärtigen Pandemie, Stückchen für Stückchen weiter, wird jeder Tag ein kleines Erlebnis, das uns allen vermitteln will: Mit Gottes Hilfe schaffen wird das und sind wir auf einem guten Weg.

 

Denn Gott wird uns, wie das Volk Israelauf seinem Weg ins gelobte Land und später in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft, zum Ziel bringen. Das ist sicher.

Unsere Kraftquelle ist nach dem Jesaja-Text, unser Hoffen auf Gott:

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Es wird klappen. Es kostet Zeit, es kostet Kraft und Nerven, aber Gott steht uns bei.

Bei den Adlern kann man das übrigens sehr schön erkennen:

Die Elterntiere umsorgen den Jungadler. Dann kommt der Zeitpunkt für den Erstlingsflug. Der Jungadler wird aus dem Nest der Rundumversorgung geschubst. Das Zutrauen der Eltern in ihre Jungen ist groß. Wenn das Jungtier müde wird, unterfliegen die Adlereltern ihren Jungen solange, bis diese wieder bei Kräften sind. Schon fliegen sie wieder eigenständig. Ein schönes, dynamisches Bild für Gott und uns ist das. Denn Gott verfährt mit uns genauso – auch jetzt, in unserer gegenwärtigen Krise. Gott stärkt uns, aber den Mut zum Fliegen müssen wir selber aufbringen.

Wir werden es schaffen, wenn wir dieser Kraft Gottes vertrauen, täglich sie uns schenken lassen und die Hoffnung nicht verlieren. Denn die Hoffnung ist der Lichtstrahl vom Ende her, der jetzt schon auf uns fällt.

Durch die Hoffnung werden wir stark und werden wir es miteinander und mit Gottes Hilfe schaffen.

Denn Hoffnung macht einen Menschen unbezwingbar, wie es eine kleine Geschichte von Hellmut Walters beschreibt (in: Hoffsümmer, Kurzgeschichten, Band 1, Mainz, 1981, S.11):

Unbezwingbar

„Meine Schläge, gab das Schicksal in einem Interview zu, sind hart, und meine Rechte ist genauso gefürchtet wie meine Linke. Treue, Glaube, Liebe, kurz, auch die schwersten Brocken habe ich auf die Bretter geschickt, und sie wurden sämtlich ausgezählt. Nur mit einem habe ich bisher nicht fertig werden können: sooft ich ihn auch k.o. schlage und davon überzeugt bin, dass er nun endgültig ausgezählt auf dem Boden liegen bleibt - spätestens bis „neun“ ist er wieder auf den Beinen.“ „Und wer“, fragt der Interviewer, „ist dieser Unbezwingbare?“ „Die Hoffnung“, sagt das Schicksal.

 

Ich wünsche uns allen diese Hoffnung, die unser Schicksal in den Frust treibt. Denn wir haben mit Gott den auf unserer Seite, der uns zum guten Ziel führen wird.

Eine frohe Woche. Amen

 

Gebet:

Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich.

Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich!

 

Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt, bringe ich vor dich.

Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich.

 

Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit, bringe ich vor dich.

Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich.

 

Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich.

Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich


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